22. September 2023, 9:31
Bei der INSIDE Happy Hour am vergangenen Sonntag auf der Area30 stand uns Miele-Designchef Andreas Enslin gemeinsam mit Ana Relvão von Relvãokellermann Rede und Antwort zur Frage: Was ist heute wirklich innovativ?
Im INSIDE Spezial Küche, das zu den Herbstmessen entschieden ist, hat Enslin uns bereits Einblicke gegeben in die nutzerzentrierte Forschung von Miele. Das komplette Interview lesen Sie jetzt auch hier auf INSIDE Küche:
Leben in der Zukunft, das gehört schon zur Jobbeschreibung. Andreas Enslin und sein Team stellen in aufwändig hergeleiteten Szenarien Annahmen über künftige Entwicklungen auf. Motto: Wie sieht die Welt in zehn Jahren aus? Diese Annahmen werden feinmaschig überprüft und weiterentwickelt, um daraus Ideen für die Produkte und Services von morgen abzuleiten. Die nutzerzentrierte Forschung mündet dann beispielsweise im „Living-Tomorrow“-Projekt in Brüssel, bei dem Prototypen für Koch-Assistenzsysteme gezeigt werden.
INSIDE: Moin Herr Enslin, toll, dass wir uns via Zoom über Innovationen unterhalten können, darüber, wie man erfährt, was die Endkunden wollen. Auch eine der Neuerungen, die auf einmal im Alltag vieler Menschen angekommen ist. Ist so ein Erfolg wie bei Zoom planbar? Wie geht man so etwas denn an als Unternehmen, das durch technologische Innovationen groß geworden ist?
Andreas Enslin: Es ist die Frage, wie Produktentwicklung eigentlich funktioniert. Auf diesem Feld hatten wir in Deutschland lange Zeit eine gewisse Komfortzone, da wir viel über Technologien entwickelt haben. Forschung und Technik sind in Deutschland gut verankert. „Engineering Made in Germany“ wie etwa im Maschinenbau oder der Automobilindustrie und strukturiert an Dinge herangehen – das können wir gut und damit haben sich die meisten Unternehmen hierzulande wohlgefühlt. Allerdings haben wir uns zum Teil auch auf unseren Erfolgen ausgeruht und sind die Digitalisierung zu langsam angegangen, angefangen bei der Bildung.
Und nun? Ist der Zug abgefahren – oder, wie gefühlt üblich, zu spät angekommen oder gar nicht aufs Gleis gesetzt worden?
Was heute gefragt ist, funktioniert anders als in der Vergangenheit, wo wir Innovationen über eine lange Zeit organisiert und orchestriert haben. Die Akzeptanz von Technologie funktioniert anders. Nutzer fragen heute nicht mehr nach der Technik, die in einer Innovation steckt: Wer schaut heute beim Auto noch unter die Motorhaube? Das ist für Kundinnen und Kunden zunehmend uninteressant. Die neuen Kriterien sind Spaß, Einfachheit, Nachhaltigkeit. Technologie ist oft der Enabler für die Ansprüche und Anforderungen der Kundinnen und Kunden, Technologien sind aber sehr oft nicht mehr sichtbar oder nachvollziehbar wie etwa bei KI. Heute zählen Einfachheit, Komfort, ein gutes Gefühl, alles, was Menschen veranlasst, nach besseren Lösungen zu suchen. Und an der Stelle wird es interessant: Wir brauchen dringend Entwicklungs- und Innovationssysteme, die den Nutzer in den Mittelpunkt stellen. In der Designentwicklung ist das nichts Neues, es steht schon lange in den Lehrplänen der Hochschulen, wie mit Nutzern etwas zusammen entwickelt wird, wie man testet und ausprobiert. Methoden dazu sind beispielsweise das Design-Thinking oder die Usability-Tests, die wir bei uns durchführen.