Architecto: Ein All-inclusive-Trip für die Branche

Architecto

Fughes nächster Streich

04. Mai 2022, 12:32
Christoph Fughe, Cevdet Caner

Vor anderthalb Jahren wurde der Rödinghausener Küchenbauer Störmer zur AG und verpasste sich dabei den Namenszusatz „The digital furniture company“. Das klang damals angesichts der Umsatzgröße von rund 30 Mio Euro und der analogen Herkunft reichlich übertrieben. Doch allmählich wird ein Schuh draus. Gemeinsam mit einem neuen Investor, dessen Eintritt man seinerzeit nicht an die große Glocke hängte, und strategischen Partnern aus der digitalen und der analogen Welt hat Störmer in knapp zwei Jahren einen neuen, digitalen Vertriebsweg geschaffen. Der soll nicht nur Futter für die eigene Fertigung bringen, sondern auch andere Lieferanten aus verschiedenen Produkt- und Preiskategorien sowie den Möbelhandel mit einbinden. Ein neuer Weg für die ganze Branche.

Vorgestellt wurde das fix und fertige Konzept namens Architecto am Donnerstag vergangener Woche in kleinem Kreis in Berlin, in den Räumen des Störmer-Gesellschafters Neue Design GmbH, die auch zum Headquarter der neuen Architecto GmbH werden sollen. Architecto-Geschäftsführer Thorben Wiedemann erklärt das Konzept im Zeitraffer auch im INSIDE Küche-Talk im Video oder Podcast:

Die Neue Design GmbH war um den Jahreswechsel 2020/2021 herum im Zusammenhang mit dem Formwechsel und einem Schuldenschnitt mit 60 Prozent bei Störmer eingestiegen. Die übrigen 40 Prozent hält weiterhin Christoph Fughe. Gesellschafterin der Neuen Design GmbH, das offenbart ein Blick ins Handelsregister, ist Gerda Caner. Deren Ehemann Cevdet Caner ist der Macher hinter diversen Real-Estate-Aktivitäten. Dass sein Geldgeber Caner eine bewegte Vergangenheit (und Gegenwart) hat, daraus macht Fughe kein Geheimnis. Wer die Google-Suche anwirft, bekommt es auch gleich mit den aktuellen News zum Immobilienkonzern Adler Group zu tun, dem die Wirtschaftsprüfer von KPMG in der vergangenen Woche nach Wirrungen durch einen Viceroy-Report kein Testat erteilen mochten. Was alles zu Caners Einflussbereich zählt, ist reichlich undurchsichtig. Es geht viel um Beratung, um Familie, um Firmen- und Wohnsitze in Steuerparadiesen. Caners Auftreten dagegen: engagiert, nahbar, begeisterungsfähig. So kam das jedenfalls bei der Architecto-Präsentation in der letzten Woche rüber.

Vor einigen Jahren, man erinnert sich, wäre Störmer fast an der Einführung seines neuen ERP-Systems zu Grunde gegangen. Sowas läuft ja selten glatt. In Rödinghausen glich es einer Katastrophe. Fehlteile und ausufernde Lieferzeiten waren die Folge. Dank neuer Geldgeber ist diese schwierige Phase inzwischen Geschichte. Produktion und Auslieferung laufen wieder zuverlässig. Und: Das Projekt Architecto nutzt das erwähnte ERP-System.

Als Christoph Fughe sich vor etwas mehr als zwei Jahren erneut auf Investorensuche machen musste, lernte er Caner kennen, der schließlich nicht nur als Investor bei Störmer eintrat, sondern Ideengeber und Förderer für Architecto wurde. Als reiner Küchenhersteller, selbst wenn andere Produktbereiche in der Küchenindustrie inzwischen fast zum Standard gehören, ist Störmer austauschbar. Eine Revolution übers Produkt? Unmöglich. Oder zumindest noch nicht erfunden. Fughe und Caner setzten sich zum Ziel, die „Revolution“ über den Prozess zu erreichen. „Wir wollen aus einer analogen Branche einen digitalen Prozess machen“, so Fughe.

Seit wenigen Tagen ist Störmer Dachgesellschaft und Inkubator für die neue Architecto GmbH und hat eine Mehrheitsbeteiligung am belgischen Visualisierungs- und Entwicklungsunternehmen Prompto. Als strategischer Partner aus der Old Economy ist zudem Dieter Siegmann mit dem Logistik- und Montageunternehmen Montas an Bord.

Was ist Architecto?

„Zeig mir Deinen Raum, wir richten ihn ein.“ — So könnte das Konzept aussehen, wenn es sich ab dem kommenden Jahr auch an Endverbraucher richtet. Dabei wird der Kunde vom Aufmaß bis zur Auslieferung von Architecto betreut und muss die Plattform nicht verlassen. One-stop-shop heißt das neudeutsch. Begonnen wird allerdings zunächst im B2B-Bereich. Erstmal im Immobiliensektor, in dem man bereits mit ersten fully-furnished-Projekten aktiv ist, im nächsten Schritt gemeinsam mit dem Möbelhandel.

Aufmaß in 3D

Am Anfang des Prozesses steht die IOS-App Architecto.360, die laut Kim Note vom Entwickler Prompto „dummy-proof“ ist - das klingt auf Englisch schöner als das deutsche Wort „idiotensicher“. Die rund 60 Gäste beim Pre-Launch in Berlin bekamen eine Live-Vorführung von der Vermessung: Es ist nicht viel mehr zu tun als mit dem I-Phone durchs Apartment zu marschieren und die Kamera in alle Richtungen zu halten. Noch nicht gescannte Stellen werden in Form von roten Punkten angezeigt, die es gilt wegzuradieren. Nach etwa 10 Minuten ist ein digitaler Zwilling einer 100-qm-Wohnung erstellt — übrigens auch eine gute Möglichkeit für Makler, die Immobilien im Netz anpreisen wollen. Die Kosten für die Digitalisierung liegen bei etwa 1 Euro pro Quadratmeter.

Möblieren statt ballern

Mit dem digitalen Zwilling geht es dann ins Architecto.Studio. Diese Lösung basiert auf der der Unreal-Engine von Epic Games, die auch beim Ballerspiel Fortnite zu Einsatz kommt. Sie ist vor allem eins: schnell. Damit ist Einrichten in Realzeit möglich. Sofa, Stuhl und Küche können ausgewählt und direkt in der digitalen Wohnung platziert und hin und hergeschoben werden. Das übernehmen bei Architecto Innenarchitekten aus Berlin, Rödinghausen oder London, die bei ihren Vorschlägen den gewünschten Stil der Kunden berücksichtigen. Die Vision, hier in Zukunft mal auf künstliche Intelligenz zu setzen, kam im Laufe der Präsentation aber auch schon zur Sprache. Möbliert wird nicht nur mit Küchen und Kastenmöbeln aus der Fertigung in Rödinghausen, sondern auch mit den Produkten anderer Lieferanten. „Wir agieren hier als Plattform und sind auf der Suche nach Lieferanten, die keine Scheu vor einem innovativen Plattformkonzept im Vertrieb haben“, sagt Thorben Wiedemann, der die Architecto-Geschäftsführung gemeinsam mit Fughe übernimmt. Die 3D-Modelle der Möbelkollektionen, alle grafischen und kaufmännischen Produktdaten, werden in einer cloudbasierten PIM-Datenbank verwaltet, die das Herzstück der Plattform bildet. Die Digitalisierung von Möbelstücken für externe Lieferanten bietet auch Architecto an.

Vorbild Zalando

Bei der Architecto.Platform hat man sich an Lösungen aus dem E-Commerce orientiert, Vorbilder sind Amazon oder Zalando. Was E-Commerce-Kunden lieben: Man weiß zu jeder Zeit, wo die Ware ist.

Hat sich ein Kunde final für einen Designvorschlag entschieden, muss er den Prozess auch nicht komplett bis zum Ende durchlaufen, wenn er nicht will. Er bekommt auch eine Stückliste sowie eine Einkaufsempfehlung bei stationären oder Online-Partnern zur Verfügung gestellt.

Die letzte Meile

Für die letzte Meile (Architecto.Fulfillment) hat Architecto, wie erwähnt, jemanden aus der Old Economy an Bord geholt: Kommissionierung, Lagerung, Auslieferung und Montage aller Möbelstücke und Accessoires übernimmt Montas mit seinen bundesweit verteilten Küchen- und Möbelstützpunkten.

Das Gerüst steht. „Jetzt brauchen wir noch Futter“, sagt Wiedemann. Skaliert werden soll schnell. Und bei allem — Mitarbeitern, Lieferanten, Kunden, Umsatz. Es müssen Gespräche mit potenziellen Industriepartnern angegangen werden. Geplant ist ein breites Sortiment, ein vorqualifizierter Pool von Lieferanten für verschiedene Budgets - vom Luxus-Appartment bis zum Studentenwohnheim. Bei bisherigen fully-furnished-Projekten waren zum Beispiel die Musterring-Marken von WK bis Gallery M im Boot, aber auch ebenso Möbel der Bega-Gruppe.

Fughe: „Am Ende müssen wir nun die Leute finden, die an ein solches Konzept glauben.“ Auf Seiten des Möbelhandels wird wohl Ostermann der erste Möbelhändler sein, der mitmacht. Wie auch immer das in der Praxis ausschauen wird, wird sich in den kommenden Wochen klären. Auch andere Filialisten von XXXLutz bis Höffner sind zu Präsentationen eingeladen.

Architecto Team Thorben Wiedemann Kim Note Pieter Van Horne Cevdet Caner Christoph Fughe Dieter Siegmann Fotor

Thorben Wiedemann, Kim Note, Pieter van Hoorne, Cevdet Caner, Christoph Fughe, Dieter Siegmann

 

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