21. Mai 2026, 12:59
Ercan Bal, seit Herbst 2024 Vertriebsgeschäftsführer des Vorarlberger Funktionsbeschlagsspezialisten Grass, spricht im INSIDE-Interview über Märkte und Erwartungen, darüber, wieso in den vergangenen Jahren dem persönlichen Dialog der Vorzug gegenüber großen Messeauftritten gegeben wurde und über eine (un)nötige Schlagzahl bei Innovationen.
INSIDE: Grass ist in den vergangenen Jahren seinen eigenen Weg gegangen und hat nicht viel auf die Marktbegleiter geschaut. Ist diese Beobachtung richtig?
Ercan Bal: Die letzten Jahre waren extrem herausfordernd – auf das Pandemiehoch folgte eine deutliche Marktkorrektur. Wir hatten 2021 und 2022 eine sehr hohe Nachfrage, die zu einer Sättigung der Möbelmärkte führte. Auf dieses Pandemie- Hoch folgten zwischen 2023 und 2025 rückläufige Märkte und Kostensteigerungen. Die Fokusmärkte von Grass sind in Europa, speziell in der Industrie, aber auch in den USA, wo sich die Nachfrage rückläufig entwickelte. Das war sehr herausfordernd für uns als Gruppe wie für die gesamte Branche.
Die Reaktion waren dann Einsparungen? Zum Beispiel bei der Interzum-Beteiligung?
Der Verzicht auf die Interzum war eine sehr bewusste Entscheidung, gar nicht so sehr wegen der Kosten. Wir wollten mit unseren Marketingaktivitäten nicht in die Masse gehen, sondern den persönlichen Dialog suchen in unserem neuen Experience Center in Hohenems. Hier haben wir viele, viele Kundenevents und Workshops durchgeführt und individuelle Gespräche darüber geführt, wie wir die Partnerschaften weiterentwickeln und uns gemeinsam an die aktuelle Marktsituation anpassen können. Auf Großmessen verliert man schnell den persönlichen Draht. Unser Ziel ist aber schon, 2027 wieder dabei zu sein in Köln – mit einem neuen Konzept.
Wenn der Küchenmöbelindustrie-Umsatz einbricht, zieht der Umsatz der Vorlieferanten automatisch nach. Welchen Einfluss hat man da als Zulieferer?
Natürlich können wir die Branchenentwicklung nicht beeinflussen. Es kristallisiert sich immer mehr heraus, dass unser Markt ein Verdrängungsmarkt ist. Unser Markt wächst nicht mehr – er ist ein klarer Verdrängungsmarkt. Gerade in diesem Umfeld ist es wichtig zu verstehen, was wirklich Mehrwert für die Kunden stiftet, statt willkürlich Innovationen zu schaffen. Nicht jede Innovation bringt Mehrwert – entscheidend ist, was beim Endkunden ankommt. Es hat sich herausgestellt, dass die Unternehmen auf Effizienzsteigerung aus sind, auf Vereinfachung und auf Kundennutzen. Daran versuchen wir uns zu orientieren.
Kundennutzen mit Blick auf Endverbraucher?
Genau, mit Blick auf Endverbraucher. Unsere Kunden stellen in Frage, ob der Druck, immer Neues zu schaffen, wirklich zu einer Skalierung führt. Ob Innovationen bei Endkunden auch ankommen. Falls nicht, sollte man vielleicht langsamer und dafür tiefgründiger voranschreiten.
Wir hatten nach einer der letzten Messen mal geschrieben: Service ist das neue Produkt. Sehen Sie das auch so? Die Produkte sind ja größtenteils bereits sehr gut.
Hier müssen wir zwischen den Kundengruppen unterscheiden. Handel und Handwerk sind sehr serviceintensiv. Dort geht es um Digitalisierung, um KI und Service am Point of Sale. In der Industrie, wo wir sehr stark sind, liegt das Hauptaugenmerk aktuell auf Prozessoptimierung und Effizienzsteigerung.