Christopher Boss über neue Aufgaben von Messegesellschaften
Christopher Boss über neue Aufgaben von Messen
„Was brauchen Besucher?“
Seit Jahresbeginn ist Christopher Boss, 40, als Nachfolger von Mitgründer Michael Rambach Geschäftsführer des Messeveranstalters Trendfairs in Fürth. Er kommt aus den Reihen des neuen Trendfairs-Hauptgesellschafters NürnbergMesse.
INSIDE: Christopher, zwar bist Du offiziell erst seit 1. Januar in der Branche. Wie hier die Messelandschaft strukturiert ist, durftest du aber im vergangenen Jahr schon erfahren. Kennst du etwas in der Art auch aus anderen Bereichen? Diese Zersplitterung mit immer mehr kleineren Events?
Christopher Boss: Messe ist ein Terrain, auf dem ich mich seit vielen Jahren sicher bewege und eine große Expertise mitbringe. Das Cluster in dieser Form mit den vielen Hausmesseevents im Küchenherbst ist sicherlich etwas Besonderes. Aber auch generell geht der Trend weg von ganz großen Leitmessen hin zu Messen mit spezifischer und teilweise regionaler Ausrichtung. Besucher haben weniger Zeit und müssen sie effizient nutzen.
In der Möbelbranche ist inzwischen das ganze Jahr lang irgendwo irgendeine Messe. Zeit spart das nicht.
Hier hat es in den letzten Jahren eine große Unruhe in der Messelandschaft gegeben, daher fehlt teilweise die Orientierung. Die Leute entscheiden, was ihnen den größten Nutzen bringt. Darum müssen wir als Messeveranstalter unsere Events auf den Markt ausrichten und auf Veränderungen adaptieren. Erwartungshaltung und Erwartungserfüllung müssen für Besucher zusammenpassen. Es gibt auch nicht nur Messen, sondern auch Fachkongresse mit begleitenden Ausstellungen, Showroomevents oder digitale Tools, die um das Marketingbudget der Unternehmen konkurrieren. Alle haben eine Daseinsberechtigung.
Bedrückende Aussichten für einen Messeveranstalter?
Ich würde sie als herausfordernd und spannend bezeichnen. Wir hören weiter gut zu und reagieren darauf, welche Themen es braucht, um eine Messe auszugestalten. Vor einigen Jahren lag der Fokus rein auf den Wünschen der Aussteller. Heute stellen wir uns als Messeveranstalter darüber hinaus die Frage: Was brauchen die Besucher?
Was brauchen sie denn?
Zum Beispiel eine gute Guidance. Die Vorbereitung auf eine Messe findet seit einiger Zeit nicht mehr vor Ort mit einem dicken Printkatalog statt, sondern bereits vor oder während der Anreise digital. Ein Messeveranstalter kann hier zielgerichtet unterstützen. Ich bezeichne uns vielmehr als Kurator von Themen. Was physische Veranstaltungen aus meiner Sicht erfolgreich macht, ist eine Mischung aus geplanten Besuchen und Serendipität. Das sind diese Zufallsbegegnungen: Ich treffe jemanden im Catering oder besuche einen Stand, weil mir der Kaffeegeruch gefällt.
Gibt es etwas, das aus deiner Sicht das Messeerlebnis in der näheren Zukunft komplett verändern könnte?
Die Basis wird auch in Zukunft der persönliche Kontakt sein. Das haben wir seit Corona gesehen, als Messen als Marketingtool bereits für aus der Zeit gefallen erklärt wurden. Gleichwohl verändern sich die Generationen der Messebesucher. Als Veranstalter und auch als Branche ist es unsere Aufgabe, die Digital Natives für Messen und dieses persönliche Erlebnis zu begeistern. Wir schaffen Erlebnisse, an die man sich erinnern kann. Auch die Kommunikation ändert sich. „Höher, schneller, weiter“ wird in der Messekommunikation perspektivisch nicht erfolgversprechend sein. Bestenfalls fühlen sich die Menschen berührt und angesprochen. Wir arbeiten für die Area30 gerade an Konzepten, die es den Leuten leichter machen, sich auf die Messestände zu wagen, denn das fällt vielen tatsächlich schwer – auch wenn man es kaum glauben mag.
Mit Michael Rambach hast du einen Vorgänger, der Trendfairs sehr stark geprägt hat. Hast du dir schon überlegt, in welchen Bereichen du in seine Fußstapfen treten wirst und in welchen du deine eigene Handschrift einbringst?
Michael hat hier sein Lebenswerk, ein sehr erfolgreiches Unternehmen aufgebaut, das ich natürlich bewahren will. Glücklicherweise arbeite ich mit einem hochmotivierten Team weiter, das gemeinsam ein Ziel vor Augen hat und an einem Strang zieht. Ich habe mir vorgenommen, meine Erfahrung im Messewesen und meine kreative Lösungsorientierung einzubringen und einige gut funktionierende Themen aus anderen Branchen zu implementieren. Ein Beispiel sind Guided Tours. Die wichtigste Kompetenz ist, gut zu zuhören, Wissen aufzubauen, schnell auf Marktgegebenheiten zu reagieren und das mit einem Zielbild zu belegen.
Mit der NürnbergMesse hat Trendfairs nun einen Gesellschafter, der auch international unterwegs ist und auch große Messen veranstaltet. Gibt es aus Nürnberg Vorgaben, das Geschäft zu internationalisieren, zu multiplizieren? Weitere Nischen zu suchen?
Auch die NürnbergMesse ist mit ihren Veranstaltungen in vielen Nischen unterwegs und deswegen in den vergangenen Jahren über dem Durchschnitt vieler Mitbewerber gewachsen. Aus diesem Grund passt Trendfairs als Schnellboot gut in die Gruppe. Vorgaben gibt es nicht. Trendfairs ist gut positioniert im Markt und erfolgreich mit den Messen. Wenn es Bedarf aus einer Branche gibt und wir einen Auftrag bekommen, werden wir ihn sicherlich sehr gut prüfen hinsichtlich Bedarfs, Umsetzbarkeit und Wirtschaftlichkeit.
Werdet ihr auch das Messezentrum in Nürnberg nutzen?
Die Frage wurde mir tatsächlich schon ein paar Mal gestellt. Dafür gibt es überhaupt keine Ambitionen oder Vorgaben. Eine Messe sollte ja an dem Ort stattfinden, an dem der Markt sie braucht.
In Ostwestfalen zum Beispiel. Dort gibt es gerade etwas Bewegung. Auf der area30 habt ihr mit Rempp Küchen endlich wieder einen Küchenhersteller dabei. Wie sehr schmerzt es trotzdem, wenn ein Zugpferd wie Berbel die Messe verlässt?
Jede Absage von einem Aussteller tut weh – egal welche Größe er hat. In dem Fall ist es, keine Entscheidung gegen die Area30, sondern die Entscheidung für ein anderes Konzept. Insgesamt gibt es eine hohe Loyalität gegenüber dem Format Area30, und die Stammaussteller sind in diesem Jahr wieder dabei. Mit der Area30 bieten wir seit vielen Jahren das bestbesuchte Messezentrum in OWL und eine einzigartige Konzentration führender Marken und Innovationsführer der Küchenbranche.
Und wie schaut es bei der Siex in Bern aus? Als mein Kollege letzte Woche auf den Hausmessen in der Schweiz unterwegs war, hat man ihm erzählt, dass die Siex im Küchenbereich gut Fuß fasst, es bei den Wohnmöbelherstellern aber schwieriger habe, weil die Hausmessen sich wohl sehr stark entwickeln.
Im November wird die zweite Edition stattfinden. Es sind auch in diesem Jahr wieder tolle Marken und starke Aussteller dabei. Aber klar ist auch: Messen müssen sich in einem Markt erst etablieren. Gerade in der Schweiz braucht es Vertrauen und somit Ausdauer. Mit dem passgenauen Konzept bieten wir den Möblern eine attraktive Plattform neben einer Hausmesse.
Wäre das Format auch mit Konzentration auf Küche denkbar, oder muss es ein Komplettangebot geben?
Der Schweizer Markt ist anders aufgestellt als der deutsche. Er ändert sich aktuell dahingehend, dass Küchen ergänzend im Möbelhandel angeboten werden. Die Siex greift diesen Ansatz auf: Küche und Wohnen gemeinschaftlich zu präsentieren. Für Möbelanbieter ergibt sich hier eine erfolgsversprechende Geschäftsmöglichkeit. In der aktuellen Marktsituation werden Unternehmen von dem Konzept Lebensraum profitieren und hier mit geringem Aufwand eine Marke im Kontext präsentieren. Mit einer kleinen, aber erfolgreichen Lösung.
Wenn wir uns in fünf Jahren wieder unterhalten, ist Trendfairs dann noch ein reiner Messeveranstalter?
Das ist die DNA von Trendfairs. Unsere Aufgaben wandeln sich vom Flächenanbieter zum Kurator von Themen, die für alle Stakeholder Mehrwert bieten. Wir werden weiterhin ein bedeutender Teil des Marktes sein, seine Bedürfnisse erkennen und Lösungen dafür anbieten. Das ist mein Ziel für die nächsten Jahre.
Post von INSIDE Küche
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