Zum Hauptinhalt springen

„Komplett neue Wettbewerbsstrukturen"

Zur Zukunft des Wohnungsbaus

„Komplett neue Wettbewerbsstrukturen"

07. Oktober 2025, 13:04
Robert Kroth

Robert Kroth ist Berufsoptimist. Er hat 2022 gemeinsam mit Michael Mronz das Netzwerk „Neues Bauen – 80 Sekunden“ ins Leben gerufen, in dem vom Lokalpolitiker bis zum Ministerpräsidenten, vom Handwerker bis zum Wohnbaukonzern viele, viele Menschen an Lösungen für die Wohnungswende praxisnah arbeiten. Ziel der Initiative: die Bauwende. Im INSIDE-Interview appelliert Kroth an Firmen aus der Küchenbranche, rechtzeitig mit Unternehmen ins Gespräch zu gehen, die sich in neuen Formen des Bauens engagieren. 

INSIDE: Herr Kroth, unsere Leserinnen und Leser wollen Küchen verkaufen. In den letzten zwei Jahren wurde das immer schwieriger. Die Branche wartet sehnlichst auf den Bauturbo. Auf einer Skala von eins bis zehn – wie wahrscheinlich ist es, dass der kommt?

Robert Kroth: Ich gehe von einer soliden Neun aus, was die Wahrscheinlichkeit betrifft, dass die Bauturbo-Gesetzesvorlage – mit den im parlamentarischen Verfahren üblichen Anpassungen – verabschiedet wird. Die Notwendigkeit besteht seit Langem, diskutiert wird seit Langem, verstanden haben es alle – es wird also Zeit. 

Es muss halt umgesetzt werden.

Immerhin gibt es das eigenständige Bundesbauministerium auch weiter – in der vorletzten Legislatur waren die Aufgaben im Innenministerium angesiedelt. Das hat der Relevanz des Themas nicht gerade gutgetan. Klara Geywitz musste das Ressort als Ministerin in Ampel-Zeiten dann wieder komplett neu aufbauen. Das brauchte seine Zeit. Aber ein ehrgeiziges Ziel hat sie gleich zu Beginn ausgegeben – 400.000 Wohneinheiten pro Jahr. Eine Zahl, die ihr am Ende wie ein Mühlstein um den Hals hing. Dabei sind es mindestens so viele neue Wohnungen, die wir pro Jahr brauchen. Der Mangel an bezahlbaren Wohnungen ist zum größten sozialen Problem unserer Zeit geworden. Das betrifft längst nicht nur einkommensschwache Haushalte, sondern ist mitten in der Gesellschaft angekommen.

Ihr Job ist es, das Thema auf die politische Tagesordnung zu bringen?

Wir freuen uns sehr, dass wir im dritten Jahr unserer Plattform „Neues Bauen – 80 Sekunden“ dazu beitragen konnten, das Thema dorthin zu bringen, wo es hingehört: ganz nach oben auf die politische Agenda. Wenn wirklich 400.000 Wohnungen im Jahr neu geschaffen werden sollen, wäre das alle 80 Sekunden eine. Um das sowohl der Politik als auch der Bau- und Wohnungswirtschaft immer wieder vor Augen führen zu können, heißen wir so.

Eine der Aktivitäten Ihrer Initiative ist ein Summit, zu dem im Frühsommer mehr als 1.000 Leute nach Berlin kamen. Sie nennen das Baustellenbesprechung – warum?

Wir nennen es Baustellenbesprechung, weil wir nicht im Konferenzraum auf dickem Teppich bei Häppchen über die Wohnungsnot in Deutschland diskutieren, sondern bewusst rausgehen aus der Komfortzone. Unsere Treffen finden dort statt, wo gebaut, geplant und verändert wird. Diesmal waren wir in einer ehemaligen Fertigungshalle der AEG in Oberschöneweide – ein Ort mit Geschichte, Charakter und rauem Charme. Von dort aus sind nahezu alle großen Neubauquartiere in Berlin in zwanzig Minuten erreichbar. Die Atmosphäre soll signalisieren, dass wir nicht nur reden, sondern auch an­packen. Der Austausch ist offen, direkt und praxisnah. Wir wollen etwas bewegen. Denn die Wohnungsnot ist eine politische Baustelle – auch das signalisiert der Titel.

Sie sagen, Wohnen sei die große soziale Frage unserer Zeit. Was meinen Sie damit?

Wenn ständig nur über abstrakte Zahlen wie 400.000 Wohneinheiten gesprochen wird, verkennt man, dass es dabei um ganz konkrete, persönliche Schicksale geht. Ja, Wohnen ist eine der großen sozialen Fragen unserer Zeit – aber sie ist sehr schnell auch eine wirtschaftliche Frage. Wir erleben eine tiefe Krise in der größten Industrie, die wir in Deutschland haben: der Bau- und Immobilienwirtschaft. Alles, was daran hängt – vom Architekten über das Handwerk, die Planer, Zulieferer, also zum Beispiel auch die Küchenindustrie, bis hin zum Betrieb und der Modernisierung –, ist zusammen deutlich größer als die Automobil- oder Chemiebranche. Wenn nicht gebaut und nicht modernisiert wird, kostet das Wirtschaftskraft; Unternehmen und Arbeitskräfte sind in Gefahr.

Damit, das Problem zu erkennen, ist es nicht getan – oder?

Nein, das reicht nicht. Entscheidend ist jetzt, das Thema auch in konkretes Handeln zu übersetzen. Die Bundespolitik kann dabei nur den Rahmen setzen. Ein weiterer Teil liegt in der Verantwortung der Länder. Deshalb hat es uns sehr gefreut, dass bei unserer diesjährigen Baustellenbesprechung gleich drei Ministerpräsidenten dabei waren, die das Thema sehr offen und engagiert aufgenommen haben. Und am Ende sind auch die Kommunen gefragt. Wenn Bund, Länder und Gemeinden nicht gemeinsam agieren, verpufft der Effekt jedes Turbos. Letztlich sehen wir drei zentrale Ebenen, auf denen etwas passieren muss: die politischen Rahmenbedingungen, die überbordende Regulatorik, die Bauprozesse selbst.

Das klingt nach einem sehr grundlegenden Problem . . .

Absolut. Wenn ein Bauprozess heute noch so angelegt ist wie vor hundert Jahren, dann baut man eben auch genauso langsam wie damals. Auch in puncto Digitalisierung sind wir weit zurück. Viele der lokalen Bauämter arbeiten noch wie die Gesundheitsämter vor Corona. Wir müssen die Prozesse in der Branche grundlegend überdenken und verändern. Da warten viele dicke Bretter darauf, gebohrt zu werden.

Sie möchten den kompletten Artikel lesen?  
 
Login
 
INSIDE-Küche-Abo abschließen


Anzeige

Login

Hier zum Newsletter anmelden: