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V-Zug

Die Schweizer kommen

11. September 2019, 16:08

Uhren, Käse, Schokolade – zur Schweiz fällt jedem Deutschen einiges ein, was man generell mit Qualität verbindet. Doch während solche Produkte längst den Weltmarkt erobert haben, sind andere Produkte über den Schweizer Markt hinaus kaum wahrgenommen worden. Bis vor wenigen Jahren gehörten auch die Hausgeräte von V-Zug dazu. Doch das ändert sich gerade.

Präzision, ganz im Stil der Schweizer: Bis ins kleinste Detail war die Anlieferung geplant. Dutzende Pläne und Zeichnungen wurden zuvor entworfen, versehen mit den genauen Maßen des Transportgutes. Mit rund 60 km/h machte sich dann Mitte Juni ein rund 30 Meter langer Spezialtransporter aus Erfurt auf den Weg nach Zug in der Schweiz. Um ein Uhr nachts kam er auf dem Gelände des Hausgerätebauers V-Zug an, 110 Tonnen wog seine Fracht. Es war die neue Presserei, geliefert vom Zulieferer Schuler. Sie sollte das Herzstück der neuen, Zephyr Hangar genannten V-Zug-Produktionshalle bilden. Es gab nur ein Problem: Der Koloss war falschherum aufgeladen worden. Und: 110 Tonnen mal eben auf engsten Raum zu drehen, ist keine Kleinigkeit. Aber die Schweizer haben es geschafft. Heute steht die neue Presserei, wo sie stehen soll. Im September geht sie in Betrieb. Dann hat V-Zug wieder einen großen Schritt auf dem Weg zum Projekt 2033 gemacht.

Ein zweite Presserei soll noch folgen und noch vieles mehr. V-Zug befindet sich mitten im Umbau. Und das in jeder Hinsicht. Am vielleicht teuersten Industriestandort Europas, nämlich im Schweizer Ort Zug, errichtet V-Zug ein sogenanntes Technologiecluster. Bestehende Produktionsgebäude werden abgerissen, neue aufgebaut, die bis zu 60 Meter in die Höhe wachsen. Dazu kommen Gebäude für Wohnungen und für Büros, in denen sich Start-ups und andere Firmen ansiedeln sollen. Eine neue Stadt am Stadtrand entsteht. Alles auf dem Gelände ist in Bewegung, und das bei laufendem Produktionsbetrieb. „Wir reduzieren das ganze Areal um rund 40 Prozent und erhöhen den Ausstoß um rund 80 Prozent“, sagt Dieter Elmiger, General Manager Greater Europe bei V-Zug. V-Zug 2033 – so heißt das Projekt. „Aber das beinhaltet nicht nur eine physische Transformation, sondern auch eine digitale“, sagt Elmiger. Gerade wurde innerhalb von 18 Monaten SAP eingeführt. Und organisatorisch transformieren die Schweizer auch so einiges: So ist das International Department seit einem Jahr eine eigene Division bei V-Zug, geleitet von Alberto Bertoz, der sich zuvor bei V-Zug um den asiatischen Markt gekümmert hat.

In Deutschland nur Premium

Der Drang der Schweizer nach Veränderung ist bis nach Deutschland zu spüren. Seit nicht einmal zehn Jahren fassen die Zuger Hausgerätebauer im Ausland langsam Fuß. In der Schweiz ist V-Zug dominant wie keine zweite Marke, jeder zweite Haushalt hat dort ein V-Zug-Gerät. In Deutschland steht V-Zug noch am Anfang, macht derzeit aber große Fortschritte, vor allem seit Patric Schleicher als Vertriebsleiter für Deutschland an Bord ist. Dabei ist wichtig: „Für V-Zug gibt es in Deutschland – wie auch in Frankreich und Benelux – eine ganz klare Positionierung. Dort vertreiben wir nur unsere Premiumgeräte und das ausschließlich über den Küchenfachhandel. Im Schweizer Markt haben wir ein viel breiteres Produktsegment“, sagt Elmiger.

Sämtliche Bestellungen aus Deutschland, Frankreich und Benelux gehen zunächst an die Zentrale in Belgien, wo V-Zug eine hundertprozentige Tochtergesellschaft aufgebaut hat. Die Logistik läuft über ein Lager in Straßburg. Das hat, so Elmiger, „Übergröße“, damit die Lieferfähigkeit immer garantiert ist. „Wir sagen immer ein wenig scherzhaft: Wir sind ein Schweizer Unternehmen, das im deutschen Markt unterwegs ist, mit einem Büro in Belgien und mit einem Lager in Frankreich. Von daher sind wir multikulturell aufgestellt“, sagt Schleicher.

Investitionen in Vertrieb und Messepräsenz

Schleichers deutsches Vertriebsteam wächst seit Jahresbeginn. Wie im steten Takt eines Schweizer Uhrwerks kam seit April monatlich ein neuer, zusätzlicher Außendienstmitarbeiter dazu. Auf Marc Brinker im April folgte Torlev Bruns im Mai, und im Juni kam Thorsten Vetters. Brinker kümmert sich fortan um die Region Köln/Düsseldorf, Bruns um die Region Berlin, Vetters um die Region München. Parallel wurde seit März auch die Position einer Marketing-Managerin mit Tanja Castell neu eingeführt. Und in diesem Küchenherbst sendet V-Zug nochmal ein wichtiges Signal: Wie schon vor einem Jahr angekündigt (INSIDE Spezial Küche Nr. 3), starten die Schweizer jetzt mit einer 310 qm großen Präsenz in Ostwestfalen, und zwar in der neuen Architekturwerkstatt in Löhne, gemeinsam mit Leicht, Liebherr, Gessi und Inalco.

Sollten die Pläne der Schweizer aufgehen, könnte V-Zug langfristig zu einer wichtigen europäischen Marke im Premiumbereich werden. Noch ist V-Zug im Verhältnis zu anderen Hausgerätemarken klein. Im Geschäftsbericht der Metall Zug AG, der Mutter von V-Zug, lässt sich die Entwicklung gut nachvollziehen. Die Umsatzentwicklung des Bereichs „Haushaltsapparate“ war in den letzten Jahren von einem Auf und Ab geprägt, zuletzt aber mit deutlicher Tendenz nach oben.

So kamen die Schweizer Hausgerätebauer 2014 auf einen Umsatz von 589,2 Mio SFr., 2015 auf 581,9 Mio SFr., 2016 auf 599,2 Mio SFr., 2017 auf 587,4 Mio SFr. und 2018 auf 593,5 Mio SFr. Und in Deutschland? Nach wie vor ist V-Zug selektiv unterwegs, mit rund 200 ausgesuchten Fachhandelspartnern. Der Exportanteil von V-Zug ist noch gering: Von den 593,5 Mio SFr. des V-Zug-Gesamtumsatzes in 2018 entfallen immerhin 532,3 Mio SFr. auf den Umsatz in der Schweiz. Der Bereich Europa, der vor allem vom Geschäft in Frankreich und Deutschland geprägt ist, befindet sich noch in den Kinderschuhen, wächst aber. 2016 lag der Umsatz dort bei 11,4 Mio SFr., 2017 bei 14,1 Mio SFr. und 2018 bei 15,2 Mio SFr.

Separater Börsengang in der Prüfung

Insgesamt könnte sich das Wachstum nochmal beschleunigen, wenn V-Zug sich, wie geplant, von der Mutter abspaltet und separat an die Börse geht. Die Bedingungen dafür werden gerade geprüft. Das könnte institutionelle Anleger anlocken, die oft einen Bogen um Mischkonzerne wie die Metall Zug AG machen. Fraglich bleibt allerdings, ob V-Zug groß genug ist, um institutionelle Anleger ins Boot zu holen. In komplett neue Hände wird V-Zug wohl nicht gehen, die Mutter ist entschlossen, einen großen Teil der Anteile zu behalten. Was auch nachvollziehbar ist. V-Zug steht trotz Megainvestitionen ertragsseitig auf festen Füßen. Außerdem sind die Pläne für V-Zug so langfristig angelegt, dass es stabile Verhältnisse braucht. Ob es einen separaten Börsenstart gibt, darüber soll bis Ende des Jahres eine Entscheidung gefällt werden.

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