Küchenmarkt vor unterjährigen Preiseröhungen

Küchenindustrie

Preisanhebungs-Fragen

24. Februar 2022, 16:26

Fast alle Umsatzrekordmeldungen aus der Küchenmöbelindustrie, die in den letzten Tagen in den Äther geblasen wurden, kamen mit Appendix: Kurze bis längere Einlassungen zu den sich in ungeahnte Höhen aufschwingenden Kosten und zum Dauerthema Materialversorgung. Wir haben uns in diesen Tagen durch den Markt telefoniert: Auftragsseitig scheint auch weiterhin die Sonne für die deutsche Küche. Wäre da nur nicht die Preisfrage. ___STEADY_PAYWALL___

Ausgehend vom Rekordniveau des Vorjahres haben die deutschen Küchenmöbelbauer im vergangenen Jahr nochmal um 8,7 Prozent beim Umsatz zugelegt und 5,708 Mrd Euro auf die Waage gebracht. Auch für den Handel mit Küchen in der Republik hat der BVDM Anfang dieser Woche für 2021 ein Wachstum von 8 Prozent auf 14 Mrd Euro hochgerechnet. Das sind mehr als 40 Prozent Anteil am Einrichtungsmarkt.

Mit der Auftragslage in den ersten Wochen des neuen Jahres sind die meisten ebenfalls zufrieden. „Noch immer ist die Nachfrage hoch. Wir haben das Problem, dass wir das kaum bewerkstelligen können“, sagt beispielsweise Christine Zinner vom Münchner Premium-Händler Gienger Küchen und erklärt: „Das liegt aber auch daran, dass immer wieder Mitarbeiter ausfallen, weil sie sich in Quarantäne befinden.“ Mit Blick auf die kommenden Monate meint sie: „Viele Kunden warten, dass sich die Zinsen ein wenig erhöhen. Solange es so ist, dass die Menschen Strafzinsen zahlen müssen, investieren sie lieber in ihr Heim. Das sind feste Werte."

Michael Freckmann vom EMV-Mitglied Freckmann Küchen hat in den ersten beiden Monaten weiter gut verkauft und rechnet damit, dass das auch erstmal so bleibt: „Küche wird auch 2022 weiter boomen." Denkt auch Martin Breitschopf vom Direktvermarkter Breitschopf Küchen aus Österreich. „Es wird weiterhin viel gebaut“, sagt er. „Das bedeutet wohl auch weiter gute Aufträge für Küchenanbieter. Da der Bauboom anhält, rechnen wir mit einem guten Jahr 2022. 2023 könnte es eventuell dann eine Spur weniger werden.“

„Im Moment geht es ebenso gut weiter, wie das letzte Jahr aufgehört hat“, sagt Rotpunkt-Geschäftsführer Andreas Wagner, der für den Januar über 23 Prozent Umsatzplus berichten kann und auch im Januar und Februar über ein zweistelliges Wachstum beim Auftragseingang. Und Häcker-Geschäftsführer Markus Sander: „Auch bei uns hat das Jahr auftragsmäßig extrem gut angefangen, wobei man natürlich sehen muss, dass vor einem Jahr viele Geschäfte geschlossen waren.“ In Rödinghausen übertreffen sie allerdings auch das 2019er Niveau, was Häcker zum Teil auf die Neueinführung von Concept130 zurückführt. Schüller meldet aus Herrieden: „Die Nachfrage nach Küchenmöbeln ist für Schüller auf einem nach wie vor hohen Niveau.“ Zufriedene Stimmen zur Auslastung auch von Störmer und Nolte.

Nolte- und Express-Küchen-Geschäftsführer Eckhard Wefing sieht gute Auftragseingänge aktuell „im Markt querbeet“ – im Inland und im Ausland, in allen Absatzkanälen von Studio über den mittelständischen Möbelhandel bis zur Großfläche. Express Küchen ist trotz eines Schwerpunkts im momentan eher schwächer laufenden Discountmarkt nach wie vor gut ausgelastet und hat verlängerte Lieferzeiten. Fürs zweite Halbjahr sieht Wefing „eine Menge Nebel“ – sowohl bei der Marktentwicklung als auch bei den Kosten. Für Pino-Geschäftsführer Jörg Deutschmann läuft es „besser als befürchtet, wenn auch weniger als erhofft.“ Und Ulrich Spleth, Geschäftsleiter Vertrieb von Impuls bezeichnet den Start ins Jahr als „durchwachsen“. Nahezu bombig läuft es im Geschäft mit den Küchenspezialisten, während der Discount sich erheblich schwerer tut. Doch klar: Auch die Discount-Lieferanten liegen über Vorjahr, schließlich waren vor einem Jahr die Läden geschlossen und gerade Großfläche und SB in dieser Zeit schwer getroffen.

Während der Export der deutschen Küchenmöbelproduzenten im letzten Jahr um 18,6 Prozent zulegte, damit die Delle des ersten Corona-Jahres mehr als kompensierte und die Exportquote auf knapp 44 Prozent steigen ließ, betrug das Umsatzplus im Inland lediglich 2,1 Prozent – von August bis Dezember waren sogar rückläufige Umsätze zu beobachten –, allerdings auch gegen die enormen Vorjahreswerte. Dass im deutschen Markt vielleicht bald eine Sättigung erreicht sein könnte und die Jahre des ewigen Wachstums hierzulande bald vorbei sind, das vermuten einige aus der Branche. Allerdings vermutet man das ja auch schon länger. Wäre ein Grund mehr, sich in Richtung Export zu orientieren. Die Küchenmöbelindustrie ist gerüstet.

So viel zu den positiven Themen im Markt. In den Gesprächen, die man dieser Tage führt, überwiegen die anderen. Die Herausforderungen sind vielschichtig und reichen von Materialverfügbarkeit über die drastische Kostenentwicklung bis hin zur Krankheitsquote. Laut Nolte-Geschäftsführer Wefing war die krankheits- und quarantänebedingte Ausfallquote in den Betrieben noch nie so hoch.

Kosten und Preise

Womit man vielleicht hätte rechnen können oder müssen – es aber ganz sicher nicht präventiv hätte einkalkulieren können: Seit Jahresanfang wurden die Preise für Vorprodukte und, ach, überhaupt alles, mit enger Taktzahl weiter erhöht. Die Frage, wie man mit den erneuten Kostensteigerungen nun umgehen soll, lässt intern in den Chefetagen der Industrie die Köpfe rauchen. Störmer-Chef Christoph Fughe: „Ich habe gedacht, dass ich in den letzten Jahren wirklich jedes Problem schon gesehen habe. Dass Lieferanten aber im Vier-Wochen- Takt auf der Matte stehen würden und die Preise erhöhen, damit habe ich nicht gerechnet. 35 Prozent mehr für ein neues Korpusdekor, das gerade erst eingeführt wurde, sind einfach nicht drin.“ „Das Kostenthema hört nicht auf“, sagt Häcker-Vertriebsgeschäftsführer Markus Sander und auch Nobilia-Boss Dr. Lars Bopf beschreibt die jüngsten Preisrunden der Vorlieferanten als „extrem belastend“. „Wir sind ganz gut ausgelastet, aber was kommt jetzt?“, fragt Pino-Mann Jörg Deutschmann. „Verfügbarkeit und Kosten sind unberechenbar.“

Wie viel teurer?

In der E-Geräte-Industrie ist mindestens einer der großen E-Gerätebauer schon mit einer saftigen Preiserhöhungsankündigung rausgegangen, andere haben Kunden mündlich vorbereitet: Zwischen 7 und 10 Prozent müssen Abnehmer einkalkulieren, spätestens fürs zweite Halbjahr. Aber – dieser Seitenhieb muss erlaubt sein – früher werden die meisten Geräte ja wahrscheinlich auch gar nicht geliefert. Auch beim Holz wird der Küchenhandel sich, das ist ziemlich sicher, im späten Frühjahr auf Teuerungszuschläge einstellen müssen. „Die Kostensteigerungen kann keiner stemmen, ohne sie weiterzugeben“, meint einer der ganz großen Küchenmöbelbauer. Christoph Fughe sagt es so: „Sich die Mehrkosten auf Dauer von der Marge abzusparen kann nicht die Lösung sein.“ Die Marge muss man ja auch erstmal haben. Rotpunkt-Chef Wagner: „Wir müssen auch an morgen und an übermorgen denken. Kein Schrank darf das Werk verlassen, an dem kein Geld verdient wird.“ „Temporär kann man es schlucken, aber auf Dauer kann es nicht so weitergehen, das ist ein wirtschaftliches Gesetz“, sagt einer, der nicht namentlich zitiert werden will.

Der Tenor ist schon ziemlich einheitlich: Ohne unterjährige Preiserhöhungen wird es nicht laufen, wenn nicht die Kosten wieder sinken, womit kaum zu rechnen ist. Nur wann und wie viel? Und wie macht man das mit Gespür?

Mit einer Ankündigung von +2,9 Prozent zum 1.6. hat ein nicht ganz so Großer kürzlich den Anfang gemacht. Das machte schnell die Runde. Obwohl es den meisten anderen nicht einmal ausreichen würde – benötigt werden überwiegend zwischen 4 und 7 Prozent –, wird mehrheitlich noch abgewartet. Die großen Küchenmöbelhersteller halten sich noch bedeckt. Keiner will der Erste sein. „Wie im letzten Herbst spielen wir Mikado. Alle warten eigentlich darauf, dass einer der Großen, eigentlich der Größte, sich bewegt“, sagt jemand.

Und wann?

Im Laufe des März, spätestens Anfang April, werden Entscheidungen getroffen sein. Wie genau dann die Umsetzung erfolgt? Die Systeme der Küchenmöbler sind komplex, die neuen Verkaufshandbücher gerade draußen. Für den Handel sei es schwierig Anhebungen „kalkulativ abzufrühstücken“. Aber: Dass nur einmal im Jahr mit den neuen Verkaufshandbüchern die Preise angepasst werden könnten, von dieser Denke müsse man sich lösen. Teuerungszuschläge seien inzwischen geübte Praxis. Die Pandemie hat einiges verändert. Offenbar auch die Praxis der „Jahresabkommen“.

Natürlich schwingt bei einigen Herstellern auch die Sorge mit, dass man mit Preiserhöhungen vielleicht den Konsum abdreht. Doch vielleicht sind höhere Preise gar nicht so wild? In der Küchenmöbelindustrie hat so ziemlich jeder gelesen, welche Preiserhöhung Ikea – ziemlich beiläufig eigentlich über ein in der internationalen Presse erschienenes Interview – durchgegeben hatte: Um die 9 Prozent sollten es „weltweit im Schnitt“ sein. Wer die Möglichkeit hat zu vergleichen, sieht allerdings, dass daraus zumindest bei in Deutschland verkauften Küchen erheblich mehr geworden ist. Und hat man davon in den letzten Wochen nochmal etwas gehört? Sind Endverbraucher Sturm gelaufen? Eher nicht. Die dürften das mehrheitlich gar nicht mitbekommen haben, weil sie kein Gespür für Küchen-Preise haben.

Gienger-Chefin Christine Zinner: „Wir haben mit Preiserhöhungen zu tun, die gab es bislang in der Branche nicht. Aber die Kunden sind auch vielfach nicht mehr ganz überrascht, wenn sie aufmerksam die Presse verfolgen.“ Die Preiserhöhungen der Industrie, sofern sie rechtzeitig angekündigt wurden, reichen Händler natürlich soweit es möglich ist an Endverbraucher durch.

Problem-Thema Geräte

Im Gespräch mit Küchenhändlern ist das Brennpunktthema nach wie vor die Lieferzeitenproblematik der E-Geräteindustrie, die sich teils sogar noch verschärft hat. „Das ist schlimmer geworden“, berichtet der oberfränkische Garant-Händler Marco Häfner. Ein anderer erzählt vom Kunden, der 27.000 Euro einbehält, weil der Kochfeldabzug nicht zum versprochenen Termin geliefert wurde und auch in absehbarer Zeit gar nicht in Sicht ist. Da platzt manchem Händler die Hutschnur. Nicht nur, weil es auf die Liquidität geht, sondern vor allem, weil es – das kommt in Gesprächen immer wieder durch – an vielen Stellen an der Kommunikation zu haken scheint. „Die E-Gerätehersteller sitzen teilweise auf einem sehr hohen Ross“, findet Michael Freckmann nicht als Einziger. Die Lieferproblematik bei Geschirrspülern hat er durch Bevorratung in den Griff gekriegt: „Wir haben ein 600-qm-Lager. Das hilft uns. Wir haben 2019 hundert Geschirrspüler eingekauft. Seitdem immer wieder nachbestellt. Davon leben wir jetzt.“

Ärgerlicherweise sind zuletzt Kühlschränke neu zu den Problemkindern dazugekommen, und immer wieder fehlen auch Mikrowellen, sagt Martin Breitschopf. Auch Breitschopf hat ein kleines Lager aufgebaut. Natürlich haben den Geräte-Stress, der bekanntlich auch oft mit mehrfachen Anfahrten zum Endkunden verbunden ist, auch die Verbände nicht erst seit gestern auf dem Schirm. Der Mehraufwand durch zusätzliche Montagetermine aufgrund von Fehlteilen dürfe nicht allein zulasten des Handels gehen, machte beispielsweise auch Ernst-Martin Schaible, geschäftsführender Gesellschafter von Der Kreis, kürzlich nochmal bei einer Verwaltungsratssitzung deutlich.

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