Egger

Um mehr als ums Produkt

21. Oktober 2021, 16:26
Egger in St. Johann

Zum vierten Mal hat der Holzwerkstoff-Hersteller Egger in diesem Sommer seinen Nachhaltigkeitsbericht vorgelegt. 155 Seiten ist er dick. Es geht bei Weitem nicht nur um die Lieferkette und das Endprodukt. Ein Anruf bei Vertriebschef Ulrich Bühler. Bei einem Gespräch mit Ulrich Bühler, als Mitglied der Gruppenleitung des Holzwerkstoffherstellers Egger aus St. Johann in Tirol für Vertrieb und Marketing zuständig, über das große Megathema Nachhaltigkeit ist Holz nicht das Hauptthema.

Bühler spricht natürlich auch übers Produkt in diesem Zusammenhang. Doch am Ende ist in dem Telefonat sehr lange die gesellschaftliche und soziale Verantwortung eines Unternehmens Thema. Es geht um die Mitarbeiter in der Produktion, um Chancengleichheit, Arbeitsschutz, um die interne Entwicklung von Führungskräften in der Gruppe, um die regionale Einbindung an den jeweiligen Standorten, um werbliche Compliance, um Fragen der Logistik – um alles. Eine Stunde ist dann schnell rum. Und es bleiben einem viele Sätze Bühlers im Ohr, vor allem einer: „Natürlich ist Nachhaltigkeit das zentrale Thema unserer Zeit. Aber die Komplexität wird oft nicht gesehen. Viele bleiben bei der Überschrift hängen. Viele konzentrieren sich dabei auch nur aufs Produkt. Und oft ist am Ende irgendein Zertifikat die schnelle Lösung. Doch damit tut man sich und vor allem der Sache keinen Gefallen.“

Willkommen im Möbelmarkt. Bühler hat den Satz sehr allgemein, bezogen auf die Wirtschaft generell, gesagt. Doch das ändert nichts an der Sache, dass der Satz auch in der Einrichtungsbranche zutrifft. Ein regelrechter Label- und Zertifikate- Kult wird rund um Möbel mittlerweile betrieben. ___STEADY_PAYWALL___Zuletzt hatte man oft das Gefühl, dass jeder im Möbelmarkt bis hin zum Giga-Verband und seinem neuen Nachhaltigkeitslabel schon irgendwie immer recht nachhaltig war. Der Druck von Kundenseite steigt. Und hier kommen wir wieder zu Egger-Vertriebsleiter Bühler zurück. Bühler sagt es so: „Durch Greenwashing und eine oberflächliche Betrachtung verspielt man Glaubwürdigkeit. Doch Glaubwürdigkeit ist unser größtes Pfund. Immer mehr Kundenschichten beschäftigen sich mit der Frage, wo die Möbel herkommen und was in ihnen verbaut ist, sehr intensiv. Wenn sie dann ins Möbelhaus kommen, ist ihnen nicht damit gedient, wenn der Verkäufer nur auf ein Label oder ein Zertifikat verweist, mehr zum Thema aber nicht sagen kann.“ Es geht um mehr als das Produkt, es geht um Umwelt und Gesellschaft.

Bühler: „Man muss den Begriff Nachhaltigkeit breiter etablieren und leben. Und spätestens, wenn es um die CO2-Bepreisung geht, wird daraus auch ein wirtschaftlicher Faktor für Unternehmen.“ Womit wir bei Egger und der obersten Regel in der hauseigenen Nachhaltigkeitsstrategie wären. Bühler: „Wenn ich über Nachhaltigkeit spreche, muss ich transparent sein. Man muss dem Begriff Regeln geben und klar festschreiben, wie man mit Kunden und Lieferanten zusammenarbeiten will.“ Was man sagt, muss stimmen Im Egger-Nachhaltigkeitsbericht ergeben sich diese Regeln unter anderem aus den Bekenntnissen zu den SDGs, den sogenannten Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen sowie zum UN Global Compact. Im UN Global Compact ist Egger seit zwei Jahren Mitglied. Die von der UN definierten SDGs reichen von regenerativem Energieeinsatz über Klimaschutzmaßnahmen bis zur nachhaltigen Bewirtschaftung der Waldflächen oder Korruptionsreduzierung. Alle Ziele und die Fortschritte auf dem Weg dahin werden offengelegt. Und so sind die Egger-Beiträge zu den SDGs auch nachzulesen im Egger-Nachhaltigkeitsbericht. „Man muss Schwächen erkennen und daran arbeiten. Das ist ein langer Weg, auf den man sich begibt, wenn man es ernst meint“, sagt Bühler. Erst vor zwei Jahren zum Beispiel hat man in der Gruppe angefangen, sich bis hin zu Produkt- und werblicher Compliance mit einer konsequenten Umsetzung der hauseigenen Nachhaltigkeitsstrategie intensiv auseinanderzusetzen.

Bühler legt Wert darauf, dass man sich als Firma sehr klar werden müsse darüber, dass, wenn man Nachhaltigkeit kommuniziere, man auch eine Compliance dazu habe. Mit anderen Worten: Alles, was ich zu meinen Produkten kommuniziere, muss auch das Produkt wirklich abbilden, muss zutreffen. Das reicht bis hin zur Bildsprache, mit der ich Werbung betreibe. Bei Egger gibt es Arbeitsgruppen dazu, die sich regelmäßig auch mit solchen Fragen beschäftigen. Wollen wir das so kommunizieren? Besser gesagt: Ist es wirklich korrekt, das genau so zu kommunizieren? Ja, man kann sich mit dem Thema wirklich in allen Bereichen eines Unternehmens beschäftigen. Besser: Man muss sich in der Breite mit Nachhaltigkeit beschäftigen, wenn man wirklich vorwärtskommen will. Und es sind nicht immer die einfachen Antworten, die man finden wird auf diesem Weg, die aus einem Industrieunternehmen am Ende ein nachhaltiges, vielleicht klimaneutrales Unternehmen machen. Nehmen wir das Beispiel FSC-Zertifizierung: In unmittelbarer Nähe zum Egger- Stammsitz in St. Johann gibt es kein FSC-zertifiziertes Holz. Jetzt ist es bei Egger zwar so, dass ohnehin 63 Prozent des eingesetzten Holzes aus Holzresten oder Recyclingholz stammen. Doch das Frischholz, das man einkauft, soll in erster Linie aus der Region kommen. Bühler: „Für uns ist es wichtiger, Holz aus der Region weiterzuverarbeiten, als ein Label über alles zu stellen.“ Nachhaltigkeit ist komplex. Ein Label allein ist nur selten die vollständige Antwort.

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