Rainer Kalesse

Die neue Einfachheit

28. Mai 2021, 10:25
Rainer Kalesse

Die Frage, wie die Küche von morgen aussieht, stellt sich angesichts einer sich wandelnden Lebenswirklichkeit vieler Menschen aktuell so dringend wie selten zuvor. Passt die klassische Familienküche noch ins immer urbanere Umfeld? Was benötigt eine Küche wirklich und wie muss sie konzipiert werden, wenn Platz in der Wohnung eine knappe Ressource wird? Mit solchen und ähnlichen Fragen beschäftigt sich auch Rainer Kalesse. Als Chefdesigner bei Nolte Küchen hat er sich über lange Jahre hinweg mit dem Thema Küche beschäftigt und betreibt seit 2017 sein eigenes Büro für Designmanagement. Im Interview spricht er über seine Ansichten zur Zukunft der Küche und lüftet daneben kurz den Vorhang für ein Konzept, in dessen Realisierung er aktuell viel Energie steckt. 

 

 

Herr Kalesse, wie sieht sie denn aus Ihrer Perspektive aus, die Küche von morgen?
Rainer Kalesse: Aus der Vielzahl der derzeit von Trend- und Zukunftsforschern propagierten Strömungen geraten Natur und Nachhaltigkeit, Individualität und Flexibilität sowie die Reduktion, auch im Sinn einer Flächenoptimierung, immer stärker in den Fokus. Das gilt selbstverständlich auch für die Bereiche Leben, Wohnen und Einrichten.

Für Sie ist dann Nachhaltigkeit genau was?
Kalesse: Nachhaltigkeit versteht sich als das Bewusstsein, dass der Mensch sich wieder dem sinnhaften, lebenswerten, gesundheitsbewussten und authentischen Dasein zuwendet. Daraus erwachsen hohe Ansprüche an äußere und innere Architektur, an die Einrichtung und besonders an die Küche, die wie kein anderer Ort in der Wohnumwelt diese Vorstellungen fokussieren kann.

Worin drücken sich diese hohen Ansprüche der Verbraucher aus?
Kalesse: Wohnqualität definiert sich jedenfalls nicht über Quadratmeterzahl, sondern über Bedürfnisse. Wenn in einer vernetzten, digitalen Welt mein Zuhause überall sein kann, entwickelt sich auch ein neues Miteinander, auf das die Küche reagieren muss. Sie wird zum Ort der Analogie sinnlicher Eindrücke. So gesehen erfordert Individualisierung – trotz der Prämisse persönlicher Ausdrucksformen – definierte Wahlmöglichkeiten, d.h. intelligente Einrichtungssysteme. Die klassische Familienrollenverteilung, nach der die meisten Wohnungen des 20. Jahrhunderts gebaut wurden, ist überholt. Neue Lebensentwürfe benötigen Freiräume, offene Grundrisse und entsprechende Wohneinheiten. Möbel werden zu raumdefinierenden Elementen, die sich flexibel an veränderte Wohn- und Lebensformen anpassen können.

Räume und die ihnen traditionell zugeordnete Funktion werden also voneinander entkoppelt.
Kalesse: Ja, nicht mehr der Raum, also der von der Architektur vorgesehene Wohn-, Ess-, Koch-, Schlaf-, Arbeitsraum, definiert die Funktion, sondern die Funktion wird durch die Ausgestaltung der Räume bestimmt. In der Umsetzung ist allerdings Reduktion angesagt: „Weg vom zu viel“ führt zu einem ausgewogeneren Lebensstil und zu einem neuen Design-, Architektur- und Innenarchitekturanspruch, der Umwelt, Infrastruktur und Technologie verschmelzen lässt. Damit schließt sich der Kreis hinsichtlich der Forderung zu mehr Nachhaltigkeit. Und es öffnet sich ein Definitionsrahmen für das Prinzip „Einfachheit“.

Sehen Sie aktuell Beispiele in der Entwicklung von Küchenmöbeln, in denen dieses Prinzip, so wie Sie es verstehen, greift?
Kalesse: Ich habe mich mit dem Thema lange beschäftigt, und habe ein eigenes System entwickelt. Ich nenne es „iSY KiTCHEN“, eine Konzeption für die Küche von morgen.

Was macht Sie so sicher, dass der Markt ein solches System braucht?
Kalesse: Die klassische Einbauküche hat sich in ihrer heutigen Form, d.h. einer übersteigerten Komplexität – „Individualität“ genannt – überlebt. Sie überholt sich ständig selbst und erschöpft sich in immer neuen Form-, Maß- und Materialoffensiven. Es wird daher Zeit für die einfache Küche und damit für „iSY KiTCHEN“, die in der Reduktion auf das Optimum, die notwendige Einfachheit, Unkompliziertheit und Funktionalität in einem überschaubaren System vereinigt.

Für wen ist Ihr Küchen-Konzept gedacht und wie soll die Vermarkung laufen?
Kalesse: „iSY KiTCHEN“ soll zur Küche für Menschen mit einem offenen Raumdenken werden, die unter Individualität intelligente Einrichtungssysteme verstehen. „iSY KiTCHEN“ kann problemlos komplett online vermarktet und vom Endkunden auch „iSY“ geplant werden. Professionelle Planer oder aufwändige EDV-Planungssysteme entfallen. Eine überschaubare Anzahl der für den Küchenalltag sinnvollen Elemente macht es möglich.

Damit werden Sie vermutlich nicht so viele Freunde im Handel finden, zumindest nicht dort, wo das Geschäftsmodell auf einer professionellen Planung basiert. Darüber hinaus ist es doch schwer vorstellbar, dass das Aufmaßnehmen und Planen einer Küche Laien so einfach von der Hand geht.
Kalesse: „iSY KiTCHEN“ bietet ein leicht nachvollziehbares Maßsystem, mit dessen Hilfe der jeweilige Raum- und Stellflächenbedarf schnell erkannt und planerisch umgesetzt werden kann. Eine frei im Raum stehende Anordnung mit Stauraum sowie allen Funktionen, inklusive Essplatz, hat in ihrer kompakten Form den Flächenbedarf eines Doppelbettes, d.h. circa 4 qm, während eine wandgebundene Halbinsel nur etwas mehr als 3 qm benötigt. Außerdem benötigt „iSY KiTCHEN“ nur eine Element- und zwei Akzentfarben, die über eine hohe Kompatibilität mit anderen Farben und Materialien verfügen und daher für einen längeren Zeitraum Gültigkeit haben werden.

Wann und wo wird man Ihr neues Konzept einmal sehen können?
Kalesse: Die Domain „iSY KiTCHEN“ ist bereits angemeldet und geschützt. Das Konzept werden Sie dann sehen und auch kaufen können, wenn es einen wirklich mutigen (Online)-Anbieter gibt, der sich diesem Thema widmet und somit dem Kunden das bietet, was er wirklich braucht und ihn im Leben begleiten kann. Produzieren kann diese Küche jeder holzverarbeitende Betrieb, der Möbelteile professionell herstellen kann. Wirklich iSY.

Rainer Kalesse betreibt seit Anfang 2017 ein eigenes Büro für Design Management in Lemgo (http://www.rainerkalesse.de/de) und hat seit 2015 einen Lehrauftrag für Designmanagement im Fachbereich Produktion und Wirtschaft an der Hochschule OWL. Von 1990 bis 2017 war er für das Unternehmen Nolte Küchen tätig.

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